Im Abendrot Jesus heilt viele Kranke und zieht sich zum Gebet zurück
Wohl nicht zufällig wird vom Evangelisten Markus an bestimmten Stellen auch die Tageszeit genannt. Am Ende, ehe Jesus sich endgültig offenbart, »als es Abend wurde«, feiert er das Mahl mit den Zwölf. Dann, am Rüsttag, als »es schon Abend wurde«, erhält Josef von Arimathäa die Erlaubnis, Jesus ins Grab zu legen. »In aller Frühe« dann, als der Sabbat vorüber ist, »als eben die Sonne aufging«, werden die Frauen zu Zeuginnen der Auferstehung.
Schon am Beginn des Evangeliums lässt Markus das Licht der Offenbarung die ersten Strahlen auf Jesus werfen, mit Formulierungen wie diesen: »Am Abend, als die Sonne untergegangen war.« Oder: »In aller Frühe, als es noch dunkel war.« Noch spielt sich alles eher im Verborgenen ab, noch ist es ein Geheimnis, wer Jesus ist. Der Evangelist lässt sich Zeit und hüllt das Tuch des Schweigens (»Er verbot ihnen zu reden«) über das anfängliche Auftreten von Gottes Sohn.
Dabei ist Jesus schon voll damit beschäftigt, »die Zeit erfüllt« sein zu lassen. Er heilt Kranke. Die Schwiegermutter des Petrus macht den Anfang. Nebenbei erfährt der Leser, dass Petrus, der nach Johannes 1,44 aus Betsaida stammt, im Haus der Schwiegereltern in Kafarnaum wohnt. Weil die Heilung der Frau in den eigenen vier Wänden geschieht, erregt sie auch kein Aufsehen. Denn es ist immer noch Sabbat, den Jesus am Morgen in der Synagoge verbracht hat.
Erst am Abend, als es dunkel ist, tritt er vor die Haustür, vor der »die ganze Stadt versammelt« ist. Mit dem Sonnenuntergang geht auch der Feiertag zu Ende. Jetzt kann Jesus das tun, wozu er gekommen ist. Er heilt und erweist sich so als der Gesandte Gottes.
Doch für die Offenbarung ist es noch zu früh. Kafarnaum ist nicht Emmaus, wo Jesus der Bitte nachkommt, er möge bleiben, »weil der Tag sich schon geneigt hat«, und wo den Glücklichen, die dabei sein dürfen, »die Augen aufgehen«.
Jesus steht in Kafarnaum erst am Anfang. Doch so wie der Tag mit dem Jahr immer mehr zunimmt, wird er immer mehr ein Mann der Öffentlichkeit, der er sich auch immer wieder entzieht, um in der Einsamkeit zu beten. Bald schon heilt er auch am Sabbat. In den Augen seiner Gegner bricht er damit das Gebot des Nichtstuns. Das gilt für Menschen, aber nicht für Gott, der keine Ruhe findet, bis nicht alle umgekehrt sind und an das Evangelium glauben.
Andreas Schaller