Hilfe beim Neustart
Die ersten Tage mit einem neuen Erdenbürger sind für alle Mütter und Väter mit Stress verbunden: schlaflose Nächte, Drei-Monats-Koliken und die bange Sorge, alles richtig zu machen. Das belastet alle jungen Mütter. Frauen, die unter einer psychischen Erkrankung leiden, sind in einer solchen Situation besonders vielen Belastungen gleichzeitig ausgesetzt. Die meist alleinerziehenden Frauen haben oft nur ein instabiles oder gar fehlendes soziales Umfeld und neben den Problemen, die die
Erkrankung mit sich bringt, sind sie außerdem oft isoliert und fühlen sich mit der neuen Rolle überfordert.
»Lucia« gibt diesen Müttern eine Chance. In der Einrichtung in Pasing leben elf psychisch kranke Mütter mit ihren Kindern. Sie wohnen in Ein-Zimmer-Appartements mit Bad und Küchenzeile und werden rund um die Uhr durch ein professionelles Team betreut. Träger der Ein-richtung ist der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF).
»Ein Kind ist immer am besten bei seiner Mutter aufgehoben«, sagt Christine Geissler, die Leiterin der Einrichtung. Bei Müttern mit psychischen Erkrankungen verschlechtere sich aber oft schon durch die Geburt eines Kindes der Zustand der Mutter. Mit dem neuen Leben kämen diese meist nicht zurecht, könnten den Alltag mit dem Kind oft nicht organisieren. Auch eine verlässliche stabile Beziehung zum Kind könnten diese Mütter vielfach nicht allein aufbauen.
»Wir von ,Lucia‘ wollen erreichen, dass die Frauen mit der Doppelbe-lastung zurechtkommen und selbstständig leben können«, so Geissler. Um das zu bewerkstelligen, bleiben die Frauen maximal zwei Jahre in der Wohngruppe, lernen hier den Alltag mit Kind zu organisieren und sich auf ein Leben nach »Lucia« vorzubereiten. »Wir wollen die Mütter rundherum fit machen. Sie sollen den Alltag meistern, aber sich auch um die Zukunft kümmern. Wir besprechen mit ihnen, wie sie sich ihre berufliche Zukunft vorstellen, suchen gemeinsam eine geeignete Wohnung, Ausbildungs-, Arbeits- und auch Kinderkrippenplätze«,
erklärt Geissler. »Wir«, das ist ein Team, bestehend aus Sozialpädagoginnen mit sozialpsychiatrischer Erfahrung, Fachkrankenschwestern für Psychiatrie und Erzieherinnen.
Besonders wichtig ist den Mitarbeiterinnen die Stabilisierung der Mütter. »Wenn eine Krise sich anbahnt, dann gibt es dafür Warnsignale«, so die Sozialpädagogin Geissler. »Die betroffenen Mütter sollen diese erkennen lernen, wissen wo sich Hilfe finden lässt, damit eine immer drohende stationäre Unterbringung verhindert werden kann.« Denn ein solcher stationärer Aufenthalt bedeutet eine Trennung vom Kind, ein Zustand, der so gut es geht, vermieden werden soll. Das Kindeswohl steht immer im Vordergrund. Daher nehme »Lucia« auch keine Frauen in einer akuten Krankheitssituation auf.
»Lucia« gibt es seit zehn Jahren. »Das Konzept war von jeher eine Herausforderung«, sagt Geissler. Umso stolzer ist sie darauf, dass das Projekt bis heute vielen betroffenen Frauen ein selbstständiges Leben mit Kind ermöglichen konnte. Und der Bedarf ist weiterhin groß, vor allem da »Lucia« die einzige derartige Einrichtung im Umkreis ist.
Diana Steinbauer