Stille Menschenkenner
Töpfchen und Tiegel für wertvolle Ingredienzien, merkwürdig geformte Zangen von grobschlächtig bis filigran und mittendrin ein Mann im sauberen Kittel, der viel weiß über die Leute im Ort, der selbst aber verschwiegen und ein wenig undurchschaubar ist. »Haarige Zeiten – vom Bader und Barbier über die Perückenmacher bis zum Friseur« lautet der Titel einer Ausstellung, die derzeit das Museum im Freisinger Bürgerturm zeigt.
Ebenso interessant wie unterhaltsam wird der Blick auf einen Stand gelenkt, der in der dörflichen Struktur ehedem durchaus Bedeutung hatte. Denn anders als fahrende »Wunderheiler« oder sonstige Scharlatane genossen in früheren Jahrhunderten die Bader im Ort eigentlich hohes Ansehen. Zusammen mit dem Lehrer und dem Pfarrer galten sie oft als einzige »gebildete« Personen, die eben auch etwas von den Menschen, ihren Nöten, Zipperlein und Befindlichkeiten wussten. Nicht nur Rasieren und Frisieren waren Aufgaben der Bader – sie zogen auch Zähne, wenn es sein musste, erledigten kleinere chirurgische Eingriffe und wussten über Hausmedizin, Wickel- und Wasser-Anwendungen Bescheid. Andererseits konnte man nie ganz sicher sein, was beim Bader so alles »geschnabelt« wurde.
»Mit der zunehmenden Spezialisierung und Professionalisierung einzelner Tätigkeiten verlor der Bader zwar seine Funktion als Allrounder fürs Wohlbefinden«, erklären Christine Kömpel und Joseph Geißdörfer von der »Interessen-Gemeinschaft Bürgerturm«. »Ärzte, Zahnmediziner, Heilpraktiker sowie Herren- und Damenfriseure sind ja heute alle hoch kompetente Fachleute für ihren jeweiligen Bereich.« Das Verständnis fürs Zusammenspiel von Körper und Seele hätten die frühen Bader aber gerade im ländlichen Gefüge mitgeprägt. Dass Bäder, Wickel und Packungen mehr sind als nur »Rosskuren« für Leute, die eben daran glauben wollten und sich keinen »richtigen« Arzt leisten konnten, das finden auch Kömpel und Geißdörfer. »Hildegard von Bingen oder Pfarrer Sebastian Kneipp haben sich ja auch mit den Vorzügen ganzheitlicher Ansätze und dem Zusammenklang von Körper und Geist befasst.«
Korbinian Morhart
»Haarige Zeiten« noch bis Ende Oktober (samstags von 13 bis 17 Uhr) im Bürgerturm Freising